Ein Abend in der Freiheit: Die Folter endet nie

Gestern war es wieder mal soweit: Ich war bei einem Tocotronic-Konzert, und zwar in der Großen Freiheit 36. Die Voraussetzungen für einen guten Abend waren alles andere als perfekt: Frühkonzert, schales Bier und Dillon als Support eher eine Schlaftablette als Anheizer. Aber dann kam Dirk auf die Bühne, schmiss die Arme in die Luft, säuselte ein “Hallo Hamburg” ins Mikro und alles war gut. Fast schon übermütig gut gelaunt war die Band und rockte sich in sämtlichen verfügbaren Posen durch ein schönes, langes Set mit zwei Zugaben. Und ich dachte nur: “Diese Band wird mich nie enttäuschen”.

Ich weiß es noch als wär es gestern gewesen. Ich, knapp 15, im Bus, Klassenfahrt, letzte Reihe oder so, G. spielt mir das erstemal Tocotronic vor. “Digital ist besser” muss es gewesen und sein, und seither haben sie mich nie, nie, nie enttäuscht. Ich hab sie bei Sonnenschein, Regen und Donnerwetter spielen sehen, auf nem Hügel im Spätsommer gehört, dazu geheult und gelacht und mich scheiße und gut dabei gefühlt, hab immer auf das Album gewartet, das mir nicht mehr gefällt und es ist nie gekommen. Wir sind mit ungefähr gleich großen Schritten älter und ernster und noch älter und unernster geworden, haben die Städte gewechselt und uns von alten Dingen verabschiedet – nicht ohne gern drauf zurückzuschauen.

Und so waren es auch gestern wieder mal die alten Songs die besonders schönen und Dirk, Arne, Jan und Rick haben sie so gespielt, als wären wir alle immer noch Teenger in Trainingsjacken. “Bitte gebt mir meinen Verstand zurück” gejault von Arne, “Drüben auf dem Hügel”, “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen”, “Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit”, dann die etwas jüngeren “Let there be rock” und “Aber hier leben, nein danke”, “Sag alles ab” und natürlich viele Songs vom neuen Album, meine Highlights: “Gift”, “Die Folter endet nie”, “Eure Liebe tötet mich”.

Obwohl ich Musik liebe, bin ich von Groupietum so weit entfernt wie sonst nur was. Und so sind es, wenn ich schreibe “Ich liebe Tocotronic” nicht die Typen, die ich toll find oder kennen lernen möchte, es ist einfach dieses Phänomen, dass man mit einer Band alt werden kann, dass man an einem beliebigen Samstag in der Großen Freiheit stehen kann und einfach nur glücklich sein, wegen ein paar Songs, die von ein paar Typen gespielt werden.

P. S.: Der Witz des Abends von Dirk, ungefähr so: Der nächste Song trägt den Titel unserer demnächst erscheinenden Autobiografie: Meine Damen und Herren – 17 Jahre Tocotronic: “Die Folter endet nie”.

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2 Antworten zu “Ein Abend in der Freiheit: Die Folter endet nie

  1. Oh ja, das mit einer Band alt werden, das funktioniert mit Tocotronic bei mir auch schon lange. Erst hielten Depeche Mode eine ganze Weile, dann The Cure, aber irgendwann waren die doch eher doof. Dagegen Tocotronic: “Ich habe 23 Jahre mit mir verbracht”. Und mittlerweile 14 auch mit euch, Danke dafür.

  2. Pingback: Tocotronic in Erlangen « Max ist Student·

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