Eine Replik

Denke gerade über den Post von Bandschublade zum Schanzenfest nach. Ein Auszug:

Eigentlich wollen die Stadt Hamburg und die Polizei als ausführendes Organ ja genau das: den Protest spalten. Plötzlich gibt es einen guten Protest (feiert Feste) und einen bösen Protest (ist gewalttätig). Und, schwupp!, ist die Einigkeit flöten, ist man angreifbar. Denn, man braucht sich nichts vorzumachen: Den Mächtigen ist jeder Protest zuwider, die alternativen Lebensformen in der Schanze hätten sie gerne längst den Garaus gemacht. Wir brauchen nicht zu glauben, dass dieser „gute“ Protest es noch lange macht, wenn die „Bösen“ erstmal platt gemacht sind. Und platt gemacht werden sie, da besteht kein Zweifel. In der momentanen Situation sind die Autonomen des Schanzenviertels plötzlich in der Position, dass sie sich von der Polizei einen Persilschein ausstellen lassen: Sie sind die Guten, sie haben nichts gemacht. Wie Schafe, die hoffen, vom Wolf verschont zu werden, weil sie doch eigentlich immer brav waren.

Ich stimme zu, dass man über der Verdammung derer, die das Fest zum Eskalieren brachten, nicht sein eigentliches Feindbild und Anliegen vergessen darf. Aber einige Anmerkungen habe ich dazu:

a) Soweit ich weiß, gab es von Autonomenseite keine öffentliche Distanzierung von den Vorfällen. Und niemand aus dem linken Umfeld findet es richtig, dass irgendein Protest, ob „böse“ oder „gut“, einfach platt gemacht wird.

b) Aber das ist eine Sache. Auf der anderen Seite muss es möglich sein, innerhalb der Bewegung seine Meinung zu äußern und zwischen geplanten, politischen Aktionen und Spontankrawallen zu differenzieren.
Was unterscheidet uns denn von den „Medien der Gegner“, wenn wir immer nur alles in einen Topf werfen? Denn die Organisatoren des Schanzenfestes müssen nicht alles gut heißen, was im Rahmen ihres Festes passiert, nur um glaubhaft zu bleiben und weiterhin solidarisch zu protestieren. Es ist vielleicht komplexer und weniger plakativ zu sagen: Der Angriff der Polizeiwache war nicht besonders klug und nicht geplant, gleichzeitig war aber das Vorgehen der Polizei eindeutig übertrieben und der Zwischenfall ein willkommener für Alhaus‘ Strategie – das ist langfristig richtiger. Ein Abwälzen des Konflikts auf diese „erlebnisorientierten Jugendlichen“ oder ein generelles Verdammen jener ist natürlich falsch – zumal demnächst auf Antrag der CDU im Stadtrat zum Thema „Ja zum friedlichen Feiern – Nein zu gewalttätigen Chaoten“ diskutiert wird. Das ist natürlich problematisch.

c) Daher sollte sich die Distanzierung von unüberlegten Krawallen sich nicht an die Polizei oder Stadt Hamburg oder das Gros der Medien richten. Aber sehr wohl an alle, auch jene nicht sonderlich politischen Menschen, die im Viertel wohnen. Denn das sind die Menschen, die man für den gemeinsamen Protest zur Aufrechterhaltung von Freiräumen und bestimmten Strukturen gewinnen muss – und die lassen sich wohl eher von durchdachten Aktionen als von zertrümmerten Bushaltenstellen überzeugen.

Schlussendlich muss man sich klarmachen, dass die Krawalle und Proteste der „erlebnisorientierten“ Jugendlichen grundsätzlich nichts mit der Protestbewegung zu tun haben und eben nicht aufhören werden, sobald das letzte autonome Zentrum geschlossen ist und auf der Schanze nur mehr Franchiseburgerläden und aufpolierte Eigentumswohnungen stehen. Jene die wollen, finden nämlich sicher ein anderes Forum als das Schanzenfest, um sich auszutoben – solange die Polizei genug Gegenspieler stellt.

2 Antworten zu “Eine Replik

  1. Du hast recht, einerseits. Andererseits ist das Schanzenfest eben nicht nur ein freundliches Straßenfest, es ist ein Akt des Widerstands. Ein Straßenfest könnte man problemlos bei den Behörden anmelden, man könnte Sponsoren suchen, Pommesstände aufbauen, man könnte ein Alstervergnügen draus machen. Macht man nicht, zu Recht: Weil man sich gegen die Kommerzialisierung der Nachbarschaft wehrt. Aber: Wenn dann ein paar Jugendliche kommen und sagen, nein, Widerstand muss weiter gehen, Widerstand hat auch etwas zu tun mit Aktionismus, auch mit Gewaltbereitschaft, dann kann man meiner Meinung nach nichtso einfach sagen: Ihr seid ja gar kein echter Widerstand, ihr macht unser schönes Fest kaputt, ihr seid Krawallmacher. Diskussionen darüber, wer denn nun der bessere Linke sei, haben linken Bewegungen noch nie gut getan.

    Ich warne auch nur vor allzu großer Einigkeit mit der Staatsmacht. Wo die hinführt, hat man in Berlin beim Tacheles gesehen: zur vollkommen Assimilation, zum Verlust jeglicher Relevanz, am Ende dazu, dass es so gut wie gar keine Stimmen mehr gegen das finale Plattmachen gab.

  2. … Wenn dann ein paar Jugendliche kommen und sagen, nein, Widerstand muss weiter gehen, Widerstand hat auch etwas zu tun mit Aktionismus , mit Gewaltbereitschaft zu tun, …

    Das ist genau das Problem: Die sich erklärende Komponente, jegliche öffentliche Absichtserklärung fehlt bei dieser Aktion. Ist eine Handlung automatisch politischer Widerstand bzw. eine linke Position, nur weil sie sich gegen die Polizei richtet, ohne sonst etwas zu erklären oder zu beabsichtigen, außer, unterstelle ich jetzt mal, „dass es rundgeht“? Ich nehme das durchaus als Statement wahr, bin mir zwar nicht sicher wofür genau, ob nun gegen die Gesellschaft, gegen den Staat, gegen die Polizei oder einfach gegen die Langeweile … es ist eben zu diffus, um bereits als politische Aktion zu gelten, meiner Meinung nach.

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