Slacktivism, Slut und innere Sicherheit

Manchmal fühl‘ ich mich zerrieben. Arbeit. Ausgehen. Teil der der Gesellschaft sein. Aktiv sein. Sich interessieren. Lesen. Schreiben. Machen. Aber irgendwie ist es doch wieder alles gut für was, im Endeffekt. Muss es ja sein, oder?

Neulich ist mir das Wort Slacktivism untergekommen. Es steht für 1-Click-Weltretter, Facebook-Cause-Unterstützer, Demoaufrufretweeter, eben die Politslacker 2. 0. Und da gehör ich mit Sicherheit dazu. Vorderste Front. Okay, immerhin bin ich dieses Jahr schon mehr als einmal auf die Straße gegangen für meine Ansichten. Aber ob das reicht?

Keinesfalls. Trotzdem gehör ich damit wohl noch zu den Aktiveren meines Alters. Aber dass meiner Generation ihre Politikverdrossenheit immer vorgehalten wird und wir sogar aus den eigenen Reihen öfters Schienbeintritte erhalten, nervt doch. Denn sind wir uns mal ehrlich: Keiner Jugend seit der Kriegsgeneration wurde die Zeit für persönliche Entwicklung so zusammengestutzt wie uns, keine unterlag solchen Anpassungs- und ökonomischen Zwängen. Beispiel Bachelor. Dass Bildung einmal mehr war als das bloße, schnellstmögliche Fitmachen für den Arbeitsmarkt, ist für uns schon so etwas wie eine Ahnenmär. Ich weiß wovon ich rede, weil trotz meines jetzigen, meist über 40-Stunden-Jobs hatte ich während meines FH-Studiums nie soviel Zeit, mich meinen Interessen zu widmen wie jetzt. Da war Arbeiten und Lernen angesagt. Insofern: Lasst uns klicken! Vielleicht wird ja irgenwann mal mehr daraus. Wenn das Minus am Konto kleiner und das Leben steter geworden ist.

Aber es gibt ja auch Leute wie Juli Zeh, die im Kommunikationswahn des Internets auch den Keimort politischen Protests sehen. Wie passend, dass die Aufführung der Soundcollage zu ihrem Roman „Corpus Delicti“ mit Slut auch der einzige Abend der Woche war, wo ich mir sicher war: Es lohnt sich, das Interessieren, das Aufreiben. Weil Zeh die richtigen Worte und die richtige Form findet, um die überzogenen Sicherheitsvorkehrungen des Staates zu entlarven. Weil sie klarmacht: Es ist ein Irrglaube, dass nur jene Leute Überwachung und Kontrolle fürchten müssten, die etwas zu verbergen haben, sich schuldig machen. Weil ein Justizsystem niemals gerecht und fehlerfrei sein kann und somit JEDER zum Opfer totaler Überwachung werden kann. Und weil man nie weiß, wie sich das Justizsystem ändert, was es denn einmal sein wird, was unter Gesetzesbruch fällt. Vielleicht reichen ja schon ein paar falsche Klicks im Internet, wie der Fall der New Yorker Aktivisten zeigt, die verhaftet wurden, weil sie über Polizeiaktionen twitterten. Soviel zu den harmlosen Slacktivsten.

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