Buhrufe im Millerntor und der Angriff auf die PK16

Ein Fußballspiel im Stadion anzuschauen ist viel mehr als nur einer Sportveranstaltung beizuwohnen. Für mich ist so ein Spiel ein Spiegelbild der Gesellschaft – bloß komprimiert und emotional verdichtet. Für Heimspiele des FC Sankt Pauli gilt das um so mehr, da dieser Verein ja bewusst und aus Tradition mehr ist als nur ein Sportverein und politisches, soziales und popkulturelles Bewusstsein zentrale Aspekte seines Selbstverständnisses sind.

Deswegen ziehe ich manchmal (wenn auch teils weit hergeholte) Analogien zwischen den Geschehnissen im Stadion und dem, was sonst so in der Stadt los ist. Weil der FC Sankt Pauli ist Hamburg, und Hamburg wäre nicht dieselbe Stadt ohne den FC Sankt Pauli.

Vom heutigen Spiel gegen Greuther Fürth bleibt vor allem das Ende in Erinnerung, und das war geprägt von Verwirrung. Niemand wusste recht, was geschah, was denn nun die genaue Torbilanz war und warum zum Teufel unser Tor nicht gegeben worden war. Die Fans fühlten sich ungerecht behandelt vom Schiedsrichter, hintergangen irgendwie, als der sicher geglaubte Sieg so schnell und unerklärlich zwischen den Fingern zerran. Und taten dann etwas, was die sonst doch als faire Verlierer bekannten Sankt-Pauli-Fans eigentlich nicht tun: Sie buhten nicht nur den Schiedsrichter, sondern auch die Greuther Mannschaft gnadenlos aus.

Das ist dumm, könnte man sagen, haben die Greuther doch eventuell verdient ausgeglichen. Das konnte zu dem Zeitpunkt niemand genau sagen. Aber egal was passiert war: Der Schiedsrichter handelte offenbar nicht transparent genug, pfiff schlecht und gab den Sankt-Pauli-Fans das Gefühl, es würde ihnen übel mitgespielt. Und dieses Unrechtsgefühl gepaart mit der Unmacht, etwas dagegen zu tun, das ist eines, das Menschen dumme Sachen tun lässt, sie emotional und nicht rational handeln lässt.

Und da schließt sich wieder der Kreis zu Hamburg und der Gesellschaft, deren Minibiotop das Millerntor ist. Kurz vor der Pause wurde an der Südtribüne das Plakat: „Advent, Advent, PK16 brennt“ aufgehängt – als Anspielung auf den bereits erfolgten Angriff auf die Polizeiwache in der Lerchenstraße, aber wohl auch als Ankündigung neuer Angriffe. Das gab gleich „Ihr seid scheiße“-Gesänge von anderen Fans als Antwort. Zurecht könnte man sagen, denn das ist doch dumm, sich mit sowas zu brüsten. Ist es auch. Aber die Motivation zu solchen Taten ensteht wohl ähnlich wie das Auspfeifen der Gegner heute: Die Leute vertrauen dem Schiedsrichter nicht mehr, der eigentlich zwischen wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen Interessen richten und im Sinne aller Bewohner einer Stadt entscheiden sollte – also dem Senat und seinem Ordnungsorgan, der Polizei. Weil sie sich ungerecht behandelt sehen und das Gefühl haben, dass die andere Mannschaft – Reiche, Wirtschaftstreibende, Investoren – vorgezogen behandelt wird. Und aus dieser Emotion heraus, begleitet vom Unmachtsgefühl, kommt es dann zu so Ideen wie eben dem Angriff einer Polizeiwache. Weil man an die herrschende Ordnung ohnehin nicht mehr glaubt, sich hintergangen fühlt von denen, die sie aufgestellt haben.

Zu rechtfertigen sind solche Aktionen deshalb natürlich nicht. Aber verhindern (oder vermindern) kann man solche Tendenzen auch nur, indem man redet. Mit denen, die noch reden wollen, und ihnen das Gefühl gibt, es gibt auch offene Ohren für ihre Anliegen. Natürlich wird es immer ein paar geben, die lieber Steine schmeißen. Aber die sind keine wirkliche Gefährdung. Ignoriert man aber alle, die sich ungerecht behandelt fühlen, werden immer mehr Menschen emotional statt rational handeln und glauben, Gewalt sei die Lösung.

Und das muss doch nicht sein, oder?

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