Zwischenstand re:publica

Zeit ist das, was man auf der re:publica nicht hat. Zwischen einem interessanten Vortrag nach dem anderen trifft man Leute, liest die Twitterwall zur Veranstaltung oder es fällt einem ein, dass man auch noch mal was essen könnte.

Deshalb wird’s die klugen Analysen wohl erst nachher geben. Die Abende fürs Bloggen zu verwenden, das geht gar nicht. Ich bin ja schließlich in Berlin, wo man mitten in der Nacht eine hervorragende, große Vegetaria-Pizza für 1,90 Euro essen kann.

Aber weg vom Essen (hatte noch kein Frühstück).

Schon der Eröffnungsvortrag war ein Highlight: Peter Glaser über die Digitale Faszination, der zum Teilen um das Wissen von Technologien auch mit Dritte-Weltländern aufrief, von „sharism“ sprach und auch dem Journalismus eine Zukunft bescheinigte:
„Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand, und sei es nur gegen die Langeweile. So groß kann keine Krise sein, dass er verschwände, davon bin ich überzeugt.“

Dass Jeff Jarvis rocken würde, war irgendwie schon klar – aber sein Talk über „The German Paradoxon“ und warum Deutsche zwar kein Problem damit haben, ihre Penisse öffentlich herzuzeigen, aber ansonsten so verklemmt sind, wenn es um Privatsphäre im Internet geht, war sehr unterhaltsam und enthielt einige Wahrheiten. Grundmessage: Sich mitzuteilen, Informationen zu teilen, erzeugt Wert, kann weiterhelfen.


Skurillster Moment war der, als Melissa Gira Grant, die über Sex and the Internet sprach (als junge, blonde Frau in Highheels, die selbst schon Pornos gemacht hatte), Chatroulette mit uns spielte. Wie zu erwarten, ließ der erste erigierte Penis nicht lange auf sich warten – und der Typ war ziemlich fertig, als er merkte, dass ihm um die 500 Leute zuschauen und schaltete sich weg. Community-Porn-Watching, so to say.

Super interessant: Prof. Dr. Peter Kruse, der eine Studie vorstellte, die mit heavy Internetusern durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Es gibt zwei klar gespaltene Gruppen. Die Digital Visitors und die Digital Residents, die genau konträre Wertewelten haben. Die einen bauen auf Sicherheit, Vertrauen, überprüfbare Information, die anderen auf Dynamik, Social Web, neue Technologien – und deshalb laufen Diskussionen zu Internetthemen auch immer so überhitzt und in gegenseitigem Unverständnis ab. Zusätzlich hatte er einige interessante Thesen zu bieten, wie sich die Machtverhältnisse durch das Internet ändern werden und spricht in diesem Zusammenhang davon, dass eine Repolitisierung der Bürger quasi unabwendbar ist – wenn auch nicht im Sinne alteingesessener Parteien.

Tja, und dann kam noch der Entertainerteil des Abends: Herr Lobo darüber, wie man einen Shitshorm überlebt und mit Trollen umgeht (47.000 Kommentare mit dem Wort „Arschloch“, um nur ein Beispiel zu nennen), war sehr unterhaltsam mit einem dennoch sehr ernsten Kern. Und natürlich nahm Herr Lobo sich heraus, gnadenlos zu überziehen.

Die Twitterlesung im Anschluss war der perfekte Ausklang. Meine Bauchmuskeln tun heute noch weh!

Bilder, mehr Details und ganz sicher etwas zu dem gr0ßartigen Makerbot-Vortrag, in dem ich grad sitze, folgen, wenn ich Zeit dafür habe.

4 Antworten zu “Zwischenstand re:publica

  1. Das Du noch Zeit gefunden hast so einen schönen, treffenden und alles gut zusammen fassenden Artikel zu schreiben, bewundernswert! Und das ohne Frühstück, umso mehr!
    Das war wirklich ein gelungener Tag, der hetuige nicht so sehr aus meiner Sicht, dafür freue ich mich auf morgen.
    Bis gleich!

  2. Tja, Freitag war nochmal gut. Und du hast dokumentiert, wie falsch ich singe, also kannst du mich ab sofort erpressen🙂

  3. Pingback: re:publica, ein Fest « Kommander Kaufmann·

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