Das Lugner-Mausi-Phänomen und andere Wieneindrücke

Schon beim Anflug hab ich wieder gemerkt, dass Wien halt doch ein bisserl anders ist. Ich saß schon im Flugzeug, da kam ein Herr höheren Alters zu meiner Reihe und fragte mich höflichst, ob ich ihn an seinen Platz lassen würde. Kaum war ich aufgestanden, machte er eine leichte Verbeugung in Richtung seiner Begleitung und säuselte: „So Schätzele, kumm her, jetzt kannst eini. Soll ich dir das Jackerl abnehmen?“
Schätzele bejahte, nahm Platz und der Gentleman alter Schule folgte. Als es dann später ums Bestellen ging, steigerte sich die Höflichkeit zur Bevormundung. Der Herr fragte nämlich sein Schätzele: „So Mausi, was hättst denn gern zum Trinken“ und bestellte dann für sie bei der Stewardess. Dafür schaute sie dann seelenruhig zu, wie ihr doch etwas älterer, leicht gebrechlicher Gemahl mit scheinbar letzter Kraft die Koffer vom Band wuchtete. So was nennt man wohl traditionelle Rollenverteilung. Jedenfalls haben mich die beiden in ihrer Wiener Art sehr an Richard Lugner und sein Ex-Mausi erinnert. Was das mit Wien zu tun hat? Irgendwie scheinen sich in dieser Stadt mit der all den präsenten Überresten der alten Kaiserszeit manche Traditionen länger zu halten. Grantige Kellner im Frack, dass man immer noch manchmal mit einem langgezogenen „Gnä Frau“ angesprochen wird, Fiaker am Ring und natürlich die große Vorliebe für Titel. Ob Doktor, Oberstudienrat oder Bezirksrat, eins davon muss es schon sein. Und auf der anderen Seite wieder das Phänomen, dass so einer wie Lugner mit seinen Busenwundern zum größten Aufreger des ach so traditionellen Opernball werden kann. All das steht einer Tradition als rot regierte Stadt sowie einer lebendigen und jungen Club- und Kunstszene gegenüber. Es ist das was ich an Wien so mag. Hier trifft soviel aufeinander – Tradition und Avantgarde, Ost und West, Intellekt und Proletariat in ausgeprägester Form. Und dann ist die Stadt auch noch die Metropole der Spione. Wo mir wieder einfällt, dass ich „Der Dritte Mann“ noch nicht gesehen hab, weswegen mich ein Kollegin diese Woche schändlich niedermachte. Zurecht.

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