Aufmerksamkeitsdefizite

Meinem Dockville-Resümee standen bisher einige widerliche Zeitfresser im Weg. Zum Beispiel, eine neue Wohnung suchen und finden. Der Versuch, Sport zu machen. Schlaf.

Aber es gibt ein paar Dinge, über die man auch jetzt noch nachdenken kann. Zum Beispiel das Uffie-Syndrom im Zusammenhang mit der Kunstaktion des Sigmund-Lachs-Instituts, über das mich der nette Herr von der Bandschublade aufgeklärt hat.

Es war nämlich so: Uffie ließ erstmal ihre DJs die Stimmung auf der Bühne anheizen, von ihr selbst war noch nichts zu sehen, als plötzlich direkt hinter der Bühne ein Helikopter landete. Natürlich rannten gleich Unmengen von Menschen hin, um zu sehen was war. Ich war auch neugierig, aber ging natürlich nicht hin – ein letzter Rest an Würde muss ja möglich sein. Lustig war, dass Uffie kurz darauf die Bühne betrat, und wir scherzten schon, dass es wohl sie war, die im Heli eingeflogen wurde.

Der übrige Auftritt passte zumindest ins Bild dieser Annahme, denn die sexy Kindfrau tat tatsächlich so, als sei sie nur mal kurz vorbeigeschneit, um einen leider notwendigen Termin wahrzunhemen – und hätte es nicht im Geringsten nötig, irgend jemanden von ihren Qualitäten zu überzeugen. Mal abgesehen von ihren körperlichen Reizen. Aber ein bisschen räkeln, das reicht auch nicht. Macht aber anscheinend müde, denn nach zwanzig Minuten musste die Dame, die relativ falsch und textunsicher über den Sound vom Band „sang“, dann auch Pause machen. Dafür sorgten die DJs, als sie alleine auf der Bühne waren, für die beste Stimmung des Gigs. Schade. Weil ich mag Uffies Musik, ich mach sogar die Kindfrausexiness, die andere sicher zum Kotzen finden. Aber sich öffentlich hinzustellen und sich nicht die geringste Mühe zu geben, zu verschleiern, dass man nur die Hupfdohle ist … also ich hätte mehr erwartet. Und als Krönung dann auch noch die schleimige Ansage: „You were the best crowd ever“. Genau. Deshalb fragte sie auch mitten im Auftritt, ob wir tot wären.

Alles in allem hätte man es ihr also durchaus zugetraut, im Helikopter angeflogen zu kommen. Aber da der mitten im Gig ohne sie abflog, war es klar, dass es jemand anderes war. Zumal schwarze Limousinen samt Kameras im Schlepptau übers Gelände fuhren.

Natürlich fragten wir uns, wer da wohl drin wäre. Aber ich dachte mir auch da schon: Wie einfach ist es doch, Aufmerksamkeit zu generieren. Setz dich in eine Limo und du bist ein Star. Was ich da noch nicht wusste: In der Limo saß tatsächlich ein Gabelstaplerfahrer. Das ganze war eine Kunstaktion.

Das Sigmund-Lachs-Institut wollte sich mit der Aktion „kritisch mit dem VIP-Status einzelner Mitwirkender bei großen Events und den damit verbundenen Personenkult auseinandersetzen“. Und das hat, zumindest im Nachhinein, bei mir auch tatsächlich gewirkt.

Ich geh nämlich davon aus, dass dieser Gabelstapelfahrer mehr zum Gelingen des Festivals beigetragen hat, als die groß bejubelte Uffie.

Und sonst war’s ein nettes Festival mit hauptsächlich netten Menschen, ob nun auf oder vor den Bühnen.

3 Antworten zu “Aufmerksamkeitsdefizite

  1. … wobei die Aktion des Simon-Lachs-Instituts sich ja nicht explizit gegen Uffie richtete, sondern gegen das hohle Popstar-Wichtigtuertum als Ganzes, zumindest habe ich das so verstanden. Natürlich hatte Uffie da die undankbare Rolle der Zielscheibe, und natürlich hat sie diese auch gut ausgefüllt, klar, sie war eben das popstarhafteste Püppchen des ganzen Festivals.
    Aber: Was hätte sie denn anders, besser machen sollen? Dass sie keine Stimme hat, wussten wir, dass sie gute DJs mit auf der Bühne hatte, kann man ihr nicht vorwerfen, dass sie 08/15-Ansagen brachte, ach Gott, das machten so einige. Sie hätte die Songs radikal für eine Band umarrangieren können, wie Soffy O, aber zumindest mich hätte das nicht wirklich interessiert. So war Uffie eben die Hasskappe des Dockville. Well, it’s a dirty job, but someone’s gotta do it.

  2. Natürlich hat sich die Aktion nicht gegen Uffie gerichtet. Das hat nur im Nachhinein für mich so gepasst. Weil ich finde, dass ansonsten bei den Festivals bei denen ich bin wenig von diesem hohlen Popstarwichtigtuertum stattfindet. Goldfrapp ist da vielleicht noch ein Beispiel vom Melt!.

    Und was sie hätte anders machen können? Ihre Texte lernen, sich reinhängen und ein ganz kleines bisschen authentisch sein. Oder meinetwegen auch auf Totalverweigerung gehen. Ich hab nichts gegen Sex sells. Aber als Künstlerin hat sie sich unter Wert verkauft. Ich nehme zum Beispiel an, dass sie die Texte schon selber schreibt. Und die sind gut, und in der Hinsicht hätt‘ ich einfach mehr Persönlichkeit erwartet auf der Bühne von ihr.

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