Land unter – ein Gentrifizierungsrundgang mit Geschichte

Sehr spontan bin ich vergangenen Samstag bei einem Gentrifizierungsrundgang gelandet. Freunde hatten gesagt, es geht um 14 Uhr beim Sankt-Pauli-Theater los. Mehr wusste ich nicht. Was ich vorfand, war ein Grüppchen unterschiedlichster Menschen, die sich um einen älteren Herrn mit Bart und Käppi versammelten – den Historiker Marut Perle. Aktiv für die Linke, und im Sanierungsbeirat Karolinenviertel engagiert. Was folgte, war zum Glück aber wenig politisch, dafür sehr historisch. Gerade für Neuhamburger wie mich gab es einiges zu erfahren.

Allein der Spielbudenplatz hat eine bewegte Geschichte von der ich nichts wusste – der ganze Platz ist unterbunkert und bot im 2. Weltkrieg bis zu 20 000 Personen Schutz, bevor die heutige Tiefgarage daraus wurde. Das Sankt-Pauli-Theater hieß gar nicht so, sondern nach Ernst Drucker, der Jude war, weshalb das Theater während des Nationalsozialismus umbenannt wurde (warum wurde das nicht rückgängig gemacht?). Sowohl das Theater als auch die angrenzende Davidwache stehen unter Denkmalschutz. Ansonsten ist am Spielbudenplatz alles neu – damit die Bespielung mit tollen Events wie Public Viewing, Schlagermove und so weiter möglich wurde. Das einzig Gute an diesen Events: Mit so viel Leuten drauf sieht man nicht mehr, wie hässlich der Platz eigentlich ist. Was ich nicht wusste, ist dass er von einer privaten Betreibergesellschaft aus den umliegenden Theatern und Bars bespielt wird, zu der auch die berühmte Esso-Tankstelle an der Ecke gehört.

Die da so wohl nicht mehr lange stehen wird: Der Besitzer verkaufte die Tanke und das Areal drum herum 2009 an die Bayerische Bau und Immobilien Gruppe. Könnte heißen, dass erneut ein ganzes typisches Kiezeck demnächst einem Facelifting unterzogen wird.

Weiter gings dann an den „Tanzenden Türmen“ vorbei, geplant von Hadi Teherani nach dem Vorbild eines tanzenden Paares. Architektonisch ist das durchaus interessant, vielleicht gar nicht mal so hässlich. Aber abgesehen davon, dass der Mojo-Club wieder einzieht, hat Otto-Normalpaulianer wohl nicht viel von dem Gebäude, in das die Strabag-Verwaltung einziehen wird. Außer (Wind)-Schatten.

„Wer all seine Ziele erreicht, hat sie wahrscheinlich zu niedrig gewählt.“ Herbert von Karajan

Apropos Wind: Wir schlurften dann weiter ins Brauereiquartier, zum Astraturm. Glasbetonklotz, 11.300 Quadratmeter Nutzfläche, 70 Prozent unvermietet. Das Zitat von Karajan oben steht übrigens auf der Homepage des Astraturms … ob sie damit meinen, dass jemand, der ein Gebäude plant, dass ausgelastet ist, seine Ziele zu niedrig angesetzt hat?

Foto: Recht auf Stadt

Aber das sind nur die aus der Zeitung bekannten Fakten. Steht man davor, weiß man erst, was dieser Klotz wirklich fürs Viertel bedeutet. Man wird fast davongeblasen, weil der Wind durch die umliegenden Hochhäuser so ungünstig kanalisiert wird. Und der Platz davor: Kein Grashalm. Liegt an der darunterliegenden Tiefgarage für Anwohner, wie zwei aus dem Führungsgrüppchen erzählen. Die beiden wohnen im Brauereiquartier, sind eigentlich ganz zufrieden, wollten aber mal eine Bepflanzungsinitiative starten. Fazit: Da kann nix wurzeln. Ist auf den ersten Blick vielleicht nur für Naturliebhaber tragisch.

Auf den zweiten Fakt weist uns aber Herr Perle hin: In einer Zeit, wo Überschwemmungskatastrophen drastisch zunehmen, wo es sogar Tornados in Hamburg gibt, in so einer Zeit ein ganzes Viertel ohne Sickerflächen zu bauen – das ist nicht unbedingt vorausdenkende Architektur. Ich hätte es ja nicht gedacht, dass es jemandem gelingt, mir das Viertel noch mehr mieszumachen, als ich mir das selbst schon getan habe. Aber wenn es um Hamburg und Investorenarchitektur geht, dann ist wohl alles möglich.

Manche Kämpfe sind noch nicht ganz verloren. Wie der um’s Bernhard-Nocht-Quartier, worüber ich hier schon mal geschrieben habe. Die Initiative NoBNQ hat gerade eben die Investoren, die das Quartier bebauen wollen, zum boßeln herausgefordert.

Mittlerweile schon etwas erschlagen von den Fakten und müde, dackelten wir also vorbei am Empire Riverside, vorbei an der gefährdeten Kogge bis nach vorne zum Onkel Otto und dann ums Eck in die Erichstraße. Herr Perle erzählte uns noch von den Besetzungen in der Hafenstraße, und dass die Aktionen damals auch nur Erfolg hatten, weil die gesamte Nachbarschaft von Abriss- und Bebauungsplänen bedroht war, und die Besetzer so auf breite Unterstützung stießen. Ein wenig ist es so mit der Recht-auf-Stadt-Bewegung, besonders mit dem Gängeviertel, wo auch die bürgerlichen Bürger keine Lust hatten, sich einen weiteren Teil ihrer Stadt vor der Nase weg abreißen zu lassen.

Sankt Pauli verändert sich. Und Veränderung ist gut. Aber nicht unbedingt, wenn sie mit Abrissbirnen, Verdrängung und leerstehenden Glasbetonklötzen daherkommt.

Wer mal so nen Rundgang mitmachen will: Einfach nach Marut Perle googlen, wenn es aktuelle Termine gibt, würde man die schon finden, so der Herr.

Gerade erst rausgeworfen: Der Betreiber der Pension Flehmig.

3 Antworten zu “Land unter – ein Gentrifizierungsrundgang mit Geschichte

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