T-6: Shithole Shopping


Ich geriet heute in eine Horde Lemminge. So eine, wie in dem uralten Game, wo die kleinen Viecher reihenweise willenlos in den Tod marschieren. Nur war es diesmal eine Horde stylebewusster Individuen, die sich, scheinbar genauso willenlos, im Gänsemarsch zwischen Verkaufständen bei einem Designweihnachtsmarkt entlangquetschten. Programmed to destroy, Endziel: ein Geschenk. Ein individuelles, bitte. Für die besonderen Freunde, Familienmitglieder und den Waldorfkindergartennachwuchs.

Sollte bei einer Veranstaltung wie dem Holy Shit Shopping ja zu finden sein, möchte man meinen. Gleich zwei Stockwerke geballte Individualität und überbordende Kreativität, für diejenigen unter uns, die natüüüüürlich gerne etwas selbst Gemachtes schenken würden, aber die Zeit nicht haben, leider, leider. Aber dann wenigstens etwas, wo jemand anderer ganz viel Liebe rein gesteckt hat, weil das geht ja nicht, diese Massenware, nein, nein, individuell muss es schon sein, wenn schon nicht selbstgemacht, dann wenigstens handgefertigt und kreativ, und öko ist natürlich auch nicht schlecht, 100 Prozent Baumwolle, und gefilzt, ohja, etwas Gefilztes, das hat doch Charme, oder nicht? Dafür lässt man sich doch gerne ein wenig auf die Füße treten. Und dieser Schal aus fünf verschiedenen Stoffen, da steckt ja auch sooooviel Liebe drin, da spürt man doch weder den Ellenbogenrempler von hinten noch den Herzinfarkt, wenn sie den Preis nennt. Und sollte das doch zuviel Aufregung sein, kann man ja immer noch eins dieser 100 000 Portemonnaies aus Retrostoffen kaufen, die hat ja noch niemand, das wär doch mal was wirklich …

Ich darf ja eigentlich nicht motzen. Schließlich hab ich mich auch in die Schlange vor der Tür gestellt, habe 3 Euro Eintritt bezahlt und mich durch die überfüllte Halle geschoben. Und eigentlich mag ich ja auch die DIY-Bastelszene um Dawanda und Etsy, und die meisten der Designer vor Ort für sich. Aber geballt auf einen Haufen trat der Konformismus sowohl der Designs als auch der Besucher erschreckend klar ans Licht. Wir haben unsere Abgrenzungsmechanismen zum altherbrachten Konsum so perfektioniert, dass sie selbst zur Maschinerie geworden sind – und wir zu den Lemmingen, die wir eigentlich mal verachtet haben.

Und jetzt? Doch selber basteln?

2 Antworten zu “T-6: Shithole Shopping

  1. Danke Katrin! Ich war am Samstag da und mir war ebenso unwohl, du beschreibst es wirklich gut.

  2. Von mir auch ein Danke. Ich war zwar nicht da, hätte aber gern gewollt, denke aber nach dieser Lektüre: Das viersstündige Frühstück mit Freunden war die bessere Wahl. Sowieso. Aber jetzt noch mal mehr.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s