Feminismus macht das Leben schön – auch auf der re:publica

Schon bevor ich diesen Tweet und darauf hin den Artikel des Tagesspiegel las, sollte mein diesjähriger re:publica-Rückblick vor allem einer werden, der von großartigen Frauen und dem Wort Feminismus handelt.

Nun fühle ich mich darin doppelt bestätigt. Über andere inhaltliche Aspekte der re:publica habe ich bereits hier und hier gebloggt, also wem das Wort Feminismus schon an dieser Stelle nervt, der kann auch dort weiterlesen.

Eigentlich ist alles super. Erstmals gab es auf der re:publica einen Frauenanteil von 30 Prozent auf den Podien, darunter großartige Frauen mit Vorbildfunktion: Cindy Gallop, Mercedes Bunz, Britta Riley, Kathrin Passig, Katie Stanton von Twitter und so weiter. Die stellvertretende Vorsitzende der digitalen Gesellschaft, Lavinia Steiner, wirkte bei ihrem Talk auch neben einem Urgestein der Branche wie Markus Beckedahl auf Augenhöhe, und auch der offizielle Twitteraccount war dieses Jahr fest in der Hand einer bezaubernden jungen Frau (@blog_bleistift). Die Digital Media Women hielten nicht nur eine Session, in der sie sich vorstellten, sondern auch noch ein Netzwerktreffen mit den Berlin Geekettes ab, auf dem eifrig genetzwerkt wurde. Soweit, so gut.

Aber anscheinend entstand beim Tagesspiegel aufgrund einer Session der Eindruck, innerhalb der Frauenszene wisse man nicht, was man eigentlich wolle, außer eines: Keine Feministin sein. Nach den Gesprächen, die ich auf der re:publica mit wahnsinnig netten, aufgeschlossenen Menschen führte, wundert mich das nicht mehr. Feminismus ist 2012 anscheinend so negativ behaftet, wie ich persönlich es nur in dem Kuhdorf erlebt habe, aus dem ich komme, und in dem Frauen teilweise noch das Recht auf höhere Bildung abgesprochen wurde. Aber wenn das als Vergleich herhalten muss, ist ohnehin alles zu spät.

Die Digital Media Women wissen schon, warum sie sich nicht in die Feminismus-Ecke stecken lassen wollen. Viel zu viele alte Klischees hängen an dem Wort, und da das ganze ein Business-Netzwerk ist und kein politischer Lobbyverein für Frauenrechte, ist das in Ordnung und gut so. Leider waren einige Menschen, mit denen ich sprach der Meinung, ein berufliches Frauennetzwerk müsse schon per se feministisch sein, und der feministische Touch störe sie. RADIKALE FEMINISTINNEN, SIE WOLLEN AUF PANELS SPRECHEN UND VORTRÄGE HALTEN OH MEIN GOTT.

SEUFZ.

Ironie beseite. Es gibt ihn einfach nicht, den Feminismus. Es gibt unterschiedlichste Ausprägungen des Feminismus, und ich habe die Schnauze voll, dass so viele diesen Begriff immer noch nur mit Lust- und Männerfeindlichkeit, Zynismus und Verbitterung verbinden. Und das Frauen, die sich beruflich gegenseitig unterstützen, gleich mit diesem Begriff versehen werden müssen, obwohl das nicht der Punkt des Ganzen ist. Gäbe es ein Netzwerk für Erzieher, würden doch auch niemand laut Sexismus schreien, oder doch?

Hallo, wir haben das Jahr 2012!

Frauen wie Cindy Gallop, als Werberin des Jahres in den USA ausgezeichnet, welche die Website makelovenotporn.tv betreibt und keinen Hehl daraus macht, dass sie mit Anfang Zwanzigjährigen schläft, ist bekennende Feministin. Ich habe sie interviewt, und sie hat mir erzählt, dass sie es als erfolgreiche Frau als ihre Pflicht sieht, an die Öffentlichkeit zu treten und ihren Erfolg sichtbar zu machen. Sie meinte, zuviele erfolgreiche Frauen bleiben unsichtbar, aber wir sind es uns schuldig, diesen Erfolg zu zeigen und ein Vorbild für andere zu sein.

Das gilt für mich nicht nur im Bereich Erfolg im Beruf, sondern auch für den Feminismus. Je mehr Frauen, die ein entspanntes Verhältnis zu Feminismus selbst, zu Männern und zu Gleichberechtigung haben, die einfach stolz darauf sind, Frauen zu sein und darauf, was sie geschafft haben, die sich für andere Frauen einsetzen, aber trotzdem mal über einen Penis-Brüste-Witz lachen können, sich hinstellen und laut sagen: „Ich bin Feministin!“, umso weniger wird das Wort sich auf uralte Klischees niedernageln lassen, umso weniger müssen wir uns ständig in diese „Frauenecke drängen“ lassen, wie es immer heißt, wenn das Gespräch sich um Felder wie Gleichberechtigung und Feminismus dreht. Es gibt keine Frauenecke. Es gibt Frauen, und die haben Ziele, die sie verfolgen und ausdrücken. Punkt.

In meinem Zimmer hängt eine Karte, auf der steht: Feminismus macht das Leben schön.

Das umschreibt meinen Ansatz von Feminismus sehr gut: Ich fühle mich gut als Frau, gestehe mir die gleichen Qualifikationen und Fähigkeiten wie ein Mann zu, liebe Männer und gönne ihnen und auch anderen Frauen den Erfolg, ich freue mich, wenn ich andere erfolgreiche, glückliche Frauen kennen lerne (und wenn sie ihren Erfolg so definieren, dass sie Vollzeitmutter sind, dann ist das genauso gut) und ich versuche, mir von anderen Frauen etwas abzuschauen. Ich gehe nicht mit radikalen, feministischen Forderungen d’accord, genauso, wie ich zwar Vegetarierin aus Überzeugung bin, aber dennoch nie an einem Shitstorm teilnehmen würde, der sich gegen ein Video richtet, in dem ein Mensch eine Scheibe Wurst gereicht bekommt.

Alles klar?

13 Antworten zu “Feminismus macht das Leben schön – auch auf der re:publica

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schon wieder vorbei – re:publica ’12·

  2. Schöner Beitrag, danke!

    Während der DMW-Vorstellung saß so ein Typ um die 40 (Journalist?) neben mir, der bei jedem zweiten Satz irgendeinen kritischen Kommentar raunte und sich etwas notierte. Für ihn hatte das wohl alles nichts mit Kompetenz zu tun, sondern nur mit einem Verein von Frauen, die sich untereinander über Frauenthemen austauschen und nebenbei ein bisschen arbeiten. Wenn mir solche Leute nicht furchtbar egal wären (weil sie eh nicht belehrbar sind) wäre ich wohl aufgesprungen und hätte ihm mal die Meinung gesagt.

    Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass mehr die Angst aus ihm sprach, selbige fachliche Kompetenz bei Frauen anzuerkennen und sich (Klischee!) tiefer zu stellen. Solange es solche Leute gibt, die auch noch in einseitiger, polarisierender Form darüber berichten, wundert mich die negative Anhaftung des Feminismus nicht.

    Solche Leute sollten sich vielseitige Veranstaltungen wie die re:publica mal zum Anlass nehmen, ihre Haltung zu überdenken. Schade!

  3. Hallo Julia, ich war leider nicht bei deinem Talk, weshalb ich mir nicht anmaßte, etwas dazu zu sagen. Gibt es ihn irgendwo auf Video? Und kannst du mir genauer erklären, was dich stört? Dass ich den Talk nicht erwähnt habe? Oder wen mache ich unsichtbar? Mein Artikel war eine Stellungnahme zu meinen persönlichen Erfahrungen auf der re:publica, und ich beziehe mich mehr auf den Absatz zu Cindy Gallop, deren Talk ich gesehen habe.

  4. Implizit ja, weil er in dem Artikel vorkommt. Mir ging es aber eher um meine Erfahrung, dass viele Frauen um mich herum sich selbst nicht als Feministin bezeichnen wollen, ja ihnen das Thema sogar unangenehm ist, und warum das so sein könnte. Und in dem Artikel wird gesagt: „Feministin will hier keine sein“. Ich bezog mir hautsächlich darauf. Tut mir leid, wenn das Verwirrung stiftete. Würde mich aber interessieren, was die Kernaussage eures Talks war und wo ich hier „falsch“ liege.

  5. Hallo Kommander Kaufmann,

    es fällt schwer dir zu glauben, da Du ja den Tagesspiegel-Artikel referenzierst. Ich nehme daher an, dass du ihn gelesen hast. Ich schreibe demächst, nämlich wenn es eine Aufzeichnung zum Online-Asehen gibt, einen Blogartikel zu dem Panel und poste das bei Twitter. Dann können wir weiter diskutieren. Da du ja nicht in meinem Panel warst, ist es jetzt müßig, das zu erklären.

    Schöne Grüße und nichts für ungut,
    Julia Seeliger

  6. Also ich habe nicht bewusst gegen dich argumentiert, sonst hätte ich dich erwähnt. Der Text war so schon in meinem Kopf, bevor ich den Tagesspiegel-Text las. Habe vielleicht auch nicht klar genug gemacht, worauf genau in dem Artikel ich mich beziehe. Ob ich unbewusst gegen dich argumentierte, ist mir immer noch nicht klar, aber ich denke, nachdem ich eine Aufzeichnung gesehen und deinen Post gelesen habe, wird es klarer sein. Schöne Grüße!

  7. Danke für den schönen Beitrag!
    Bin zwar schon etwas verspätet dran mit dem Lesen, freut mich aber sehr, da ich nicht immer die Zeit für den Live-Stream gefunden hab und im Nachhinein Videos klauben, war mir dann doch etwas mühsam. Cindy Gallop hab ich zumindest gesehen. Und ich freu mich immer wieder, wenn sich noch wer das „böse“ F-Wort in den Mund nehmen traut.
    Liebe Grüße aus Graz, Katja

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