Haneke und die Flucht aus dem Kino

Ich habe bisher noch nie einen Film nicht zu Ende gesehen, weil er mir zu hart war. Lars von Triers „The Dancer in the Dark“ schaute ich mir zwar nie ein zweites Mal an, und „Antichrist“ steckte ich nur mit einem Schnaps weg, aber immerhin. Hanekes „Funny Games“, „Die Klavierspielerin“ und natürlich auch „Das weiße Band“ hinterließen alles andere als schöne Gefühle, aber nie hatte ich bei einem Film auch nur einen Moment lang das Gefühl, es könnte mir tatsächlich zuviel werden.

Bis heute. „Liebe“ hat mich fertig gemacht.

Ich versuche, die Geschichte, die ich erzähle, so intensiv wie möglich zu erzählen. Die Filme sollen den Zuschauer treffen.

Michael Haneke in Der Zeit.

Eigentlich ist „Liebe“ Hanekes sanftestes Werk. Ein altes Ehepaar, in Zuneigung verbunden, sie erleidet einen Schlaganfall, er pflegt sie. Keine Gewalt, keine Neurosen, keine Beklemmung. Außer jene, die man spürt, wenn man dem Dahinsiechen und langsamen Verfall eines geliebten Menschen zusehen muss. Haneke erzählt das konzentriert und unprätentiös, reduziert aufs Notwendige, lässt keinen Platz für in Gefühlen schwelgen, keine Zeit, weil der nächste Schritt in Richtung Tod schon stattgefunden hat, weil der Tod immer stärker eingefordert wird. Aber vielleicht gerade deshalb stauen sie sich auf, die Gefühle, und wollten bei mir nur eines, nämlich herausbrechen.

Es war, als würde ich das Damals erneut durchleben. Den geliebten Menschen ein zweites Mal beim langsamen Abschied aus dem Leben, der schrittweisen Degradierung, zusehen.

Es ist lange her. Aber diese Liebe, sie war so stark, dass sie manchmal einfach die Zeit zurückdrehen kann.

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