Gedanken zu #aufschrei und der Opferrolle

Es war tatsächlich erst Freitag morgens, als ich den Hashtag #aufschrei in meiner Timeline entdeckte. Frauen – und zum Teil auch Männer – erzählen auf Twitter von ihren Erfahrungen mit Alltagssexismus und sexueller Belästigung. Seither wurde mehr über das Thema Sexismus geschrieben und diskutiert, als in den vergangen Jahren zusammen. Ich war froh, dass ich neben der Arbeit überhaupt mit dem Lesen und dem Argumentieren – auf Twitter oder in Gesprächen – hinterherkam. Und ich fand es großartig. Belastend, aufrührend, traurig, wütend machend und schlussendlich noch immer großartig.

Ich hatte das Gefühl, dass es für viele eine Befreiung war, sich ihre Erlebnisse von der Seele zu schreiben – und das im Schutz eines Kollektivgefühls, das die abwertenden Reaktionen, die natürlich nicht ausblieben, etwas abblockte. Ich war schockiert, wie verbreitet diese Dinge noch sind, und wie viele Erlebnisse ich selbst einfach verdrängte. Mir fiel auf, wie auch ich oft in der Öffentlichkeit mit einem Schutzschild aus möglichst abweisendem Gesichtsausdruck und permanentem Umgebungsscan unterwegs bin. Dabei bin ich eine der Glücklichen, die in ihrem momentanen Umfeld kaum mit Sexismus konfrontiert werden. Ich gehe arbeite mit lauter aufgeklärten Männern in meinem Alter, gehe nur in meine Stammkneipen, wenn ich tanzen gehe, dann meist zu Queer-Parties und ich fahre nachts fast immer Taxi. Da bleibt nicht allzu viel Gelegenheit.

Es wurde schon so viel dazu geschrieben, dass ich mich fragte, ob es überhaupt noch einen Text mehr dazu braucht. Happyschnitzels Blogeintrag mochte ich sehr gerne, und sie hat auch viele andere wunderbare Texte verlinkt. Aber ich glaube, das Thema kann nicht facettenreich genug besprochen und diskutiert werden. Gerade habe ich mir Jauchs Talkrunde zum Thema angesehen, und es ist erschütternd, welche Aussagen da kamen.
Die alte „Frauen provozieren das mit Kleidung, Auftreten …“-Nummer will ich gar nicht diskutieren. Wer so denkt, den werde ich in diesem Leben ohnehin nicht mehr zum Umdenken bewegen.

Anders steht es um die Aussage, Frauen könnten sich doch wehren. Wenn man es in einer Situation auf Augenhöhe tut, und es Wirkung zeigt, ist es eine wunderbare Sache. Aber es gibt unzählige Situationen, in denen das Wehren einem schier unmöglich ist. (Auch in Sachen sexueller Belästigung, die noch einmal klar von sexuellen Übergriffen zu trennen ist, aber oft in ähnlichen Machtstrukturen verankert liegt).

  • weil die eigene Existenz gerade davon abhängt, ob man dem Vorgesetzten die Meinung sagt oder nicht
  • weil man ein junges Mädchen ist und noch nicht begreift, was da überhaupt genau passiert, und man einen respektvollen Umgang mit älteren Menschen anerzogen bekommen hat
  • weil man vielleicht ein besonders traumatisches Erlebnis mit sexuellen Übergriffen hatte, und es noch nicht verarbeitet hat.
  • Wirft man einer Frau, die sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht wehren konnte, das danach auch noch vor, macht das alles noch sehr viel schlimmer. Außerdem gibt es genug Beispiele von Frauen, die an dem Versuch scheiterten, sich zur Wehr zu setzen. Im Gegenteil, in dem Moment lächerlich gemacht wurden, als Zicken, schwierig, verklemmt, unterfickt, was weiß ich dargestellt wurden.

    Zudem darf man die Vorkommnisse nicht als Einzelfall im Leben einer Frau sehen. Wurde eine Frau einmal blöd angequatscht und dann bis zur Haustür verfolgt, wird das nächste blöde Anquatschen bedrohlicher erscheinen, als es vielleicht müsste.

    Ich habe durchaus positive Erfahrungen gemacht mit dem Wehren. Aber da hatte ich verdammtes Glück – und eine Mutter, die mich von klein an darin bestärkte, meine Meinung zu sagen, die mir ihre Geschichten erzählte, und von ihrem Umgang damit, und die mir beibrachte, dass eine starke Meinung äußern eine Befreiung sein kann. Angenehm war es trotzdem oft nicht, denn auch wenn ich mich wehrte, blieb ein ungutes Gefühl zurück – auch heute noch, Jahre später. Und ich bin nie Opfer von sexueller Gewalt geworden, es waren alles nur „Lappalien“, wie manche das nennen würden.

    Natürlich müssen wir Frauen darin bestärken, sich zu wehren, und ihre Erfahrungen auszusprechen – was ja gerade bei #aufschrei passiert – aber wir müssen auch dafür sorgen, dass sie weniger oft in die Situation kommen, sich überhaupt wehren zu müssen.

    Heute bei Jauch fiel ganz oft etwas in der Art von: „Aber das wird sich doch nie ändern, das sind doch Männer“. Das halte ich für Bullshit und eine Herabwürdigung von Männern. Ich weiß, dass Männer wunderbar sein können, und es auch ohne Sexismus geht, weil ich es jeden Tag erlebe. Die Gesellschaft können nicht die Männer oder Frauen alleine ändern, sie müssen es gemeinsam tun. Deshalb sehe ich #aufschrei vor allem als Chance zum Gespräch, zum Vermitteln der jeweiligen Befindlichkeiten.

    Deshalb nehme ich die Männer in meinem Umfeld auch ernst, wenn sie sich Gedanken darüber machen, wo denn die Grenzen sein könnten, ob ein Ansprechen einer Frau in einer Bar dann gar nicht mehr möglich ist, ob Komplimente denn tabu seien und so weiter. Ich glaube ja, dass die Männer, die sich diese Gedanken ernsthaft machen, nicht das Problem sind. Ich kann euch aber auch sagen, liebe Männer: Natürlich wollen wir flirten. Aber es ist keine einseitige Sache, sondern es gehören zwei dazu, und man merkt relativ schnell, ob eine Frau sich zu- oder abwendet. Einfach ein nein für ein nein hinnehmen, ohne blödes Kommentar, das reicht doch schon. Vielleicht entschuldigend wegschauen, wenn der Blick auf die Brust dann doch mal passiert, und nicht anzüglich grinsend weiterstarren. Wenn Frauen merken, dass sie grundsätzlich mit Respekt behandelt werden, dann verzeihen sie kleine Fehltritte auch. Probiert es mal.

    NACHTRAG: Eine zusätzliche Erklärung, warum ich im Job kaum auf Sexismus treffe: Ich arbeite in einem Unternehmen, das wir möglichst hierarchiefrei halten. Das trägt sicherlich in großen Teilen dazu bei, dass Sexismus klein gehalten wird. Bei uns wird niemand dazu ermutigt. Ich bin mir aber sicher, in anderen, traditionellen Unternehmen, würde der eine oder andere auch sexistisch handeln – einfach, weil es in diesen Unternehmen vielleicht dazugehört und sie es gar nicht als falsch kennen lernen. Es ist für Männer nicht einfacher als für Frauen, sich in verkrusteten Strukturen anders zu verhalten und durchzusetzen.

    Eine Antwort zu “Gedanken zu #aufschrei und der Opferrolle

    1. Danke. Finde ich ganz, ganz wichtig – Opfern immer nur zu sagen, „Ach du hättest dich wehren müssen“ oder nach dem Eigenanteil zu fragen, kippt nämlich recht rasch ins Victim Blaming. Und das ist fatal. Sagt eine, die schon Opfer war und immer noch damit ringt.

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