Räuberhände: von Pennern und Eltern.

raeuberhaende

Wir sitzen in der Küche meiner Eltern. Man kann ihnen nichts vorwerfen. Sie meinen es gut, sie meinen alles immer gut. Und eigentlich hasse ich sie auch nicht. Wie sollte ich. Ich tue nur so. Sie sind ja großartig. Sie sind immer auf der richtigen Seite. Ich würde es ganz genauso machen. Aber sie machen es ja schon.

„Räuberhände“, der Debütroman des Hamburger Autors Fin Ole Heinrich, ist bereits 2007 im geschätzten Mairisch Verlag erschienen, aber er könnte auch erst gestern geschrieben worden sein. Das Buch verdient es, gelesen zu werden, deshalb diese späte Rezension.

Fin Ole Heinrich erzählt aus der Sicht von Janik, einem Teenager aus gutem Hause, die Eltern Pädagogen, stets bemüht, alles richtig zu machen, wohlhabend, nachsichtig und auch nach ewigen Ehejahren immer noch verliebt. Sein bester Freund ist Samuel, von allen scherzhaft „Adoptivkind“ genannt, weil er halb bei Janik wohnt. Samuels Mutter, Irene, ist Alkoholikerin, und hängt mit den Pennern auf dem Platz ab. Janik sieht, wie schwer Samuel es mit seiner Mutter hat, fühlt sich aber auch angezogen von dieser Andersartigkeit, von den Kanten, die es in seinem Elternhaus nie gab. Gemeinsam mit Samuel versucht er, seine Eltern immer wieder aus ihrer Rolle zu locken: Die beiden erfinden provokante Situationen, um zu testen, wie die Eltern reagieren, aber nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen.

„Räuberhände“ erzählt vom Prozess des Erwachsenwerdens, der Notwendigkeit,  sich von seinem Elternhaus zu lösen. Janik und Samuel müssen jeweils ihren eigenen Weg finden. Gleichzeitig geschieht etwas, was ihre Freundschaft auf eine sehr harte Probe stellt, ihnen schlussendlich aber dabei hilft. Was ich an „Räuberhände“ so wunderbar fand: Es wird keinerlei Schwarzweißmalerei betrieben wird. Die erfolgreichen Pädagogeneltern sind nicht immer automatisch besser als die alkoholkranke Pennerin. Fin Ole Heinrich schafft es, auch dieser gescheiterten Frau in Momenten etwas Liebenswertes zu verleihen, und sei es nur im Abglanz früherer Zeiten. Gleichzeitig verharmlost er auch nichts, und zeigt die unschönen Seiten der Sucht ohne Weichzeichner. Aber was er verblüffenderweise schafft: Ganz egal, wie falsch jemand in diesem Buch handelt, er lässt ihn nicht gänzlich an Würde verlieren.

Wer ständig nur Gutes tut, was lässt der den Menschen um sich herum eigentlich anderes, als zu versagen? Was ist das für eine Haltung, nur gut zu sein und immer richtig zu liegen? Man kann meine Eltern gar nicht lieben, man kann sie nur bewundern. Irene dagegen ist bestimmt alles andere als vollkommen, und manches an ihr ist unerträglich, aber man kann sie greifen, begreifen. Man kann sie lieben.

Leseprobe

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