Zeit für ein neues Weltbild

Meine Generation hat es nicht leicht mit Gesellschaftsutopien. In unserer Kindheit erlebten wir das Scheitern des Kommunismus, und der Kapitalismus hat sich in den Köpfen als einzig ernst zunehmende Variante etabliert. Bei mir Zuhause herrschte stets das Credo „Die Wirtschaft stärken“, und dann in den Sozialstaat investieren. Eine schöne Geschichte. Doch je älter ich werde, umso mehr Risse und Löcher bekommt dieses Konzept, umso mehr realisiere ich auch, auf wessen Kosten wir so leben, wie wir es tun. Des einen Reichtum, des anderen Ausbeutung. Klar, das kann man nicht pauschalisieren, aber ganz von der Hand zu weisen ist es auch nicht. Und auch das Internet, das für manche das große Heilsversprechen einer offeneren, freieren Gesellschaft bedeutete, zeigt zunehmend seine hässliche Fratze. Nun ist die Frage, was man überhaupt tun kann. Nicht viel, auch das hat sich im Kopf festgesetzt.

Nun war ich aber in den vergangenen Wochen auf zwei Veranstaltungen, die mich zum Nachdenken angeregt haben und mir doch neue Wege aufzeigten.

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Bei Transformation Design geht es darum, wünschenswerte und nachhaltige Änderungen im Verhalten und in der Form von Individuen, Systemen und Organisationen über interdisziplinäre und iterative Prozesse zu gestalten. Im Grunde geht es darum, folgende Frage zu beantworten: Was müssen wir wie ändern, um in Zukunft so leben zu können, wie wir es uns vorstellen, ohne Ressourcenraubbau zu betreiben. Die Anwesende Designerin Julia Lohmann forscht derzeit beispielsweise mit Seetang als Material für Möbelpaneele oder versucht, den Fertigungsprozess im Endprodukt wieder sichtbar zu machen.

Sehr viel dreht sich darum, mit weniger länger und besser auszukommen – aus Ressourcengründen. Doch dieses Denken steht in Gegensatz zu unserem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum angewiesen. Und Wachstum entsteht durch Konsum. Professor Welzer sagt dazu:

Wir sind keine Konsumenten mehr, sondern nur mehr Käufer.

Was er meint: Wir können uns das gesamte Beethoven-Werk für 9,99 Euro kaufen, aber wir haben gar nicht mehr die Zeit, es anzuhören. Unsere Kühlschränke sind voll mit Produkten in ausgefallenen Geschmacksrichtungen und noch ausgefalleneren Heilsversprechen, aber vieles davon landet im Müll. Da stehen Schuhe im Regal, die wir gar nicht mehr tragen. Wir kaufen, weil das Bedürfnis dazu bei uns erzeugt wird, aber wir konsumieren nicht mehr, weil uns die Zeit dazu fehlt.

Da schlägt sich auch die Brücke zum Barcamp Fortschritt und zu Niko Paech, Pro­fes­sor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Uni­ver­sität Old­en­burg und Mit­glied des wis­senschaftlichen Beirates von attac-Deutschland, der dort einen Impulsvortrag zum Thema Postwachstumsökonomie hielt. Paech stellte sein mathematisches Modell des Glücks vor.

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Mehr Konsum soll mehr Nutzen/Glück bringen. Aber jede Konsumhandlung braucht eine gewisse Zeit. Wir können nicht mehr als 2 Parallelhandlungen gleichzeitig verarbeiten, und der Tag hat nur 24 Stunden. Das bedeutet, der Konsum lässt sich nicht unendlich steigern. Was steigt, sind jedoch die Handlungs- und Konsumoptionen,  denen wir unsere begrenzte Zeit widmen können. Das wiederum führt laut Paech zu Überforderung.

Allerdings empfinden wir weniger als Verzicht, als Einschränkung. Es muss also etwas in unseren Köpfen passieren, um weniger Konsum attraktiv zu machen. Und dort kommt wieder das Transformation Design ins Spiel. Für Welzer ist es eine gestalterische Aufgabe, Möglichkeiten des Weniger aufzuzeigen.

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Möglichkeiten, wohlgemerkt. Es geht hier nicht um Anweisungen und den großen Gedankenwurf. Welzer glaubt nicht an die Revolution, sondern an Ausprobieren vieler Möglichkeiten. Paech bietet mit urbanen Subsistenz, der Halbierung der Industrie durch Prosumenten, zwar einen Entwurf an, aber er mutet noch sehr utopisch an. Seiner Vorstellung nach sollten wir 20 Stunden unserer Zeit in spezialisierte, klassische Arbeit stecken, und 20 Stunden in Selbstversorgung, Instandhaltung, Entrümpelung, …

Einig sind sich die beiden darin, dass die Ressourcenknappheit uns früher oder später zum Umdenken zwingen wird, und diejenigen, die dann schon mit neuen Modellen experimentiert haben, im Vorteil sein könnten.

Es ist ein schwieriger Prozess, diese Umdenken. Eigentlich, würde man seinen CO2-Fußabdruck auf ein vertretbares Level herunterschrauben wollen, wären Flugreisen passé. Das ist etwas, was sich unsere mobile Generation kaum vorstellen kann. Aber dieses Bedürfnis ist eng verankert mit den Prämissen der Gesellschaft, in der wir gerade leben. Würde niemand aus meinem Umfeld  fliegen, würde ich auch nicht so schnell auf die Idee kommen. Zudem gibt es für Technikoptimisten durchaus noch den Gedanken, mit der Zeit andere Fortbewegungsmöglichkeiten zu entwickeln. Oder Möbel aus Algen und Klamotten aus Fischschleim.

Was mir nach diesen zwei Veranstaltungen klar geworden ist: Die eine richtige Lösung gibt es (nicht mehr). Wir leben always in beta, auch in Sachen Gesellschaftsentwicklung. Entwickeln, Ausprobieren, Anpassen, das ist die Art, wie meine Generation Fortschritt und Veränderung leben muss, nicht mittels eines übergestülpten theoretischen Konstrukts.

 

  • Mehr zum Barcamp Fortschritt gibt es bei Kaffeeringe zu lesen.
  • Vanessa vom experimentellen Humanist Lab St. Pauli, das ihr euch unbedingt mal näher anschauen solltet, hat einen Podcast zum Barcamp veröffentlicht.

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Eine Antwort zu “Zeit für ein neues Weltbild

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