Weg mit der Waage, her mit dem Körpergefühl – ein #waagnis

waagnis

Die Sache mit der Waage. Sie begann durch einen Tweet von Maike, in dem sie ankündigte, ihre kaputte Waage nicht mehr zu ersetzen. Aus dieser eigentlich recht harmlosen Ankündigung entspann sich schnell ein Gespräch zwischen Maike, Ninia, Sarah, Johanna und mir, das zeigte, dass die Sache mit der Waage eine ziemlich ernste ist. Dass es uns ohne eigentlich besser geht, aber wir uns auch schwer davon trennen können, uns regelmäßig zu wiegen. Es ist ein wenig wie eine Sucht.

Gemeinsam hatten wir die Idee, unsere Waagen einfach auf der Straße auszusetzen und die Bilder davon unter dem Hashtag #waagnis zu twittern. Ich fand das gut. Zu dem Zeitpunkt. Aber je näher dieser Tag rückt, an dem ich meine Waage hergeben soll, umso weniger will ich.

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Es fängt schon in der Kindheit an, spätestens in der Pubertät. Gewicht und Figur sind immer und überall Thema. Die eine hat abgenommen, die andere zu, die eine möchte abnehmen, die andere wiegt nicht viel hat aber diese Problemzone, eine der Liebsten muss wöchentlich auf die Waage und das Mindestgewicht erreichen um nicht eingewiesen zu werden. Ich konnte mich da lange raushalten, fand mich okay, aber dann kam der erste Freund, Sportler und durchtrainiert und nannte mich stämmig, ganz lieb gemeint war das, aber es kratzte. Dann ging ich nach England. Von da kamen sie alle wieder mit Horrorgeschichten, 15 Kilo zugenommen, furchtbares Essen, keine Chance. Aber nicht mit mir! Wenn der Gastvater dann auch noch sagt, gegessen wird was auf den Tisch kommt und noch mal extra Sahne dran packt und man zum ersten Mal von Zuhause weg ist und die erste Liebe den Bach runtergeht und man sich an das gute Gefühl aus wenig Essen und viel Sport klammert, weil es das Einzige ist, was man wirklich selbst in der Hand hat, dann ist man mitten drin in dieser Misere. Ich bin eine Perfektionistin, mit dem Alter wird das besser, aber natürlich legte ich damals auch an meinen Körper die härtesten Maßstäbe an. Ich bin selbstbewusst, auf vielen Ebenen. Und scheitere trotzdem immer wieder mal am eigenen Körperbild. Gut 14 Kilo! weniger als heute brachte ich damals auf die Waage, ich weiß gar nicht, wie das ging.

Zum Glück war das bei mir nur eine kurze Phase, und mit dem Studium und nach dem Liebeskummer wurde alles wieder normal. Ich besaß keine Waage mehr und schwor mir eines: Nie wieder hungern!

Reduziert auf eine Zahl

Und dann hörte ich auf zu rauchen, arbeitete und trank viel, machte keinen Sport und hatte plötzlich zum ersten Mal richtig was auf den Rippen. Meine Reaktion: eine Waage kaufen.

Seither habe ich nicht wirklich viel abgenommen, denn meinem Schwur, nicht mehr zu hungern bin ich zum Glück treu geblieben. Ich versuche es mehr oder weniger konsequent mit Yoga und bewusster Ernährung. Aber ich steige jeden Morgen auf die kalte Glasfläche und lasse diese Zahl, die da steht, viel zu oft meine Stimmung beeinflussen. Dieses Ding tut nichts anderes, als meinen Körper auf eine Zahl zu reduzieren, die bei näherer Betrachtung nicht einmal viel aussagt über dessen tatsächlichen Zustand! Und doch fällt es so schwer, diesen Kasten einfach auf die Straße zu setzen. Es ist dieses Gefühl der Kontrolle. Weil ich immer noch Angst davor habe, mich auf mein Körpergefühl zu verlassen. Wenn ich damals so dünn war und es nicht sah, vielleicht sehe ich dann auch nicht, wie dick ich werde?

Weg damit!

Ich würde sagen: Mit 30 ist es an der Zeit, das zu lernen. Auch wenn mir das, mitten im Versuch abzunehmen, etwas Panik bereitet. Deshalb wandert meine Waage erstmal aus, zu meinem Freund. Ein langsamer Entzug quasi. Und in 1-2 Wochen landet sie dann wirklich auf der Straße. Schon allein, um dem Thema Gewicht keinen festen, täglichen Platz in meinem Leben einzuräumen. Das ist es nämlich wirklich nicht wert.

Macht mit!

Setzt eure Waagen in der Wildnis oder auf der Straße aus, fotografiert sie und erzählt uns von eurem #waagnis! Es ist nicht einfach und deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn ihr mitmacht: auf eurem Blog, per Mail oder auf Twitter mit dem Hashtag #waagnis! Wir sammeln eure Fotos und hoffen auf eine große Galerie der ausgesetzten Waagen. Unter allen, die dort bis zum 30. Juni dieses Jahres mitmachen, verlosen wir dieses wundervolle Bild, das Nicole extra für uns gestickt hat.

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