Heimweh

In der Zeitung da ham’S gschriem
Da gibts a Szene do muasst hin
Was die wolln des soin die schreim
Mia ka de Szene g’stoin bleim

Heute, es kam ganz unvermittelt, packte mich nach langer langer Zeit mal wieder das Heimweh. Ich machte einen Salat mit Kernöl, so wie es ihn bei uns in der Steiermark immer gab und plötzlich war es da, das Gefühl. Und dazu, im Kopf, die Zeilen des Gassenhauers aus der Kindheit.

I will wieder ham, fühl mi do so allan
I brauch ka grosse Welt, i will ham nach Fürstenfeld.

Nicht, dass ich aus Fürstenfeld käme, nur aus der Gegend. Und nicht, dass ich diese Zeilen jemals ernsthaft in den Mund nehmen würde. Dieser Song von STS hat mir das Gefühl von Heimweh verleidet, seit ich denken kann. Keine Ahnung, was die Deutschen auf Malle singen, wenn sie stolz auf ihre Herkunft und bierselig sind. In der Steiermark läuft jedenfalls dieser Song – und wenn die Steirer auswärts unterwegs sind, auch.

Als Jugendliche nervte er nur, weil es halt einer dieser Mitgröllsongs ist, deren Text man wahrscheinlich noch immer auswendig kann, wenn man seinen Namen schon vergessen hat. Damals, beim Woazbroatn am Lagerfeuer (Maiskolben grillen, für Nichteingeweihte) waren alle Lieder der steirischen Gruppe STS ein Renner, und ja, sie waren auch bei mir so etwas wie frühe musikalische Helden.

Aber dann wird man älter und fängt an, über den Text nachzudenken. Und dann merkt man, dass da alles an Kleingeistigkeit drinsteckt, von der man weg will. So geht es in dem Song nicht etwas um jemanden, der nach einer langen Reise genug hat, nein, die „grosse Welt“ ist in diesem Fall Wien. Wien, das gerade mal zwei Stunden Autofahrt von mir zuhause weg gelegen ist. Und halt doch eine ganz andere Welt.

Da geh i gestern ins U4
Fangt a Diandl a zum redn mit mir
Schwoarze Lipp’n grüne Hoar
Do kannst ja Angst kriang wirklich woahr

Was soll ich sagen? Da hilft es nicht viel, dass die Verfasser ihre Geschichte des glücklosen Musikers in der fremden Stadt vermutlich ironisch meinten – wir Mitgröller haben das jedenfalls nicht mitbekommen. Was ich mitbekommen habe, waren aber Fragen wie „Wie, du gehst so weit weg zum Studieren?“ als ich ins gerade mal 3 1/2 Stunden entfernte St. Pölten zog.

Deshalb sperrte sich manchmal etwas in mir, diese Gegend aus vollem Herzen zu vermissen. Aber man wird älter und sanfter, und aus der Ferne betrachtet bleichen die negativen Dinge aus und die positiven leuchten stärker.

So denke ich heute an unzählige laue Sommernächte, in denen wir Glühwürmchen gefangen haben oder über den Zaun ins Freibad kletterten. Abende, an denen wir ums Lagerfeuer saßen, Gitarre spielten und sangen. An die Tomaten, Paprika und Erdbeeren aus dem eigenen Garten, die meine Oma uns fast schon hinterhertrug. An den Kirschbaum bei Elisabeth im Garten, auf dem ich nie so hoch klettern konnte wie sie, und es die Herausforderung war, ein Gebinde aus möglichst vielen Kirschen zu pflücken, das man sich um die Ohren hing. An die drückende Schwüle und die darauf folgenden, bombastischen Hitzegewitter, bei denen man ab und an den Blitz in die große Pappel am Hügel gegenüber einschlagen sah. An die unzähligen Stunden auf dem Beachvolleyballplatz oder im Freibad. An aufregende Ausflüge nach Graz. An die langen Sommer, als man noch Ferien hatte.

Es ist schon schön, da in der Steiermark❤
IMG_0371

IMG_1439

IMG_1444

IMG_1454

IMG_3274

Eine Antwort zu “Heimweh

  1. Pingback: Wer bestimmt Heimat – das Herz oder doch das Wifi? - Der Medienlotse·

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s